Ute Juschus: Geschleiftes Dorf - Wenn die Heimat langsam verschwindet (2/5)
Shownotes
In der zweiten Folge des Podcast "Grenzgeschichte(n): Als das Grüne Band noch grau war" spricht Ines Godazgar mit Ute Juschus, die über Jahre mit ansehen musste, wie ihr Heimatdorf Groß Grabenstedt immer mehr verschwand. Das Dorf in der Altmark lag direkt an der deutsch-deutschen Grenze. Ab 1952 wurden die Bewohner nach und nach zwangsausgesiedelt und verdrängt, die Häuser und Höfe verfielen. 1975 musste auch Ute Juschus mit Ihrer Familie gehen und das Dorf wurde endgültig geschleift. Auch wenn heute nur noch wenige Fundamente erhalten sind, ist der Ort an dem sich einmal Groß Grabenstedt befand, ein ganz besonderer für Ute Juschus geblieben - ihre Heimat und ihr Ort der Ruhe.
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Ute Juschus in Groß Grabenstedt. Foto: Maike Glöckner
Die Kirche von Groß Grabenstedt in den 1950er Jahren…
und in den späten 1970er Jahren. Fotos: Privatarchiv Ute Juschus
Groß Grabenstedt heute. Foto: Julius C Schreiner
Der alte Friedhof in Groß Grabenstedt. Foto: Julius C Schreiner
+++ Titelbild: ullstein bild - Jürgen Ritter Autorin: Ines Godazgar Redaktion: Christine von Bose, Ines Godazgar Produktion: Heartworker Studios im Lichthaus, Halle an der Saale. Produktionsleitung, Schnitt und Ton: Julian Buch Komposition und Piano des Titeltracks „Frieden“: Julia Buch. Sprecher: Peter Godazgar +++ Die Zeitzeugeninterviews wurden gefördert durch den Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. +++ Die Autorin Ines Godazgar ist unter folgender Mailadresse zu erreichen: Grenzerfahrung@icloud.com
Transkript anzeigen
00:00:02: Unser Freund in aller Welt, sein Versicher, dass der Sozialismus auf deutschem Boden, auf unerschütterlichen Grundlagen, unergetäuschen Boden wird.
00:00:12: Wir werden nicht ruhen und wir werden nicht rast, bis ganz Deutschland wieder vereint ist.
00:00:21: Wir erleben tief bewegt, dass sich die Berliner
00:00:23: Mauer
00:00:23: endlich für alle unsere Landseute öffnet.
00:00:29: Was
00:00:41: das Grüne Band noch grau war, Grenzgeschichten.
00:00:46: Eine Podcastreihe von Ines Kodatska im Auftrag des Landes Heimatbund Sachsen-Anhalt.
00:00:53: Entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dort, wo früher Stacheldraht und Wachtürme die Freiheit der Menschen beschnitten, verläuft heute das Grüne Band.
00:01:03: Es ist Erinnerungsort und nationales Naturmonument gleichermaßen und erstreckt sich allein zwischen den Bundesländern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt über dreiehundert-dreiundvierzig Kilometer.
00:01:14: Wer hier mit den Menschen ins Gespräch kommt, muss auch vier Jahrzehnte nach dem Ende der DDR nicht lange suchen, bis er auf Spuren der Teilung stößt.
00:01:24: Die Journalistin Ines Kodatska hat die DDR als Kind und Jugendliche noch erlebt.
00:01:30: Seit vielen Jahren befasst sie sich mit der deutschen Teilung.
00:01:33: Sie hat ja auch mein Leben in der DDR geprägt, sagt sie.
00:01:37: Die persönliche Nähe zum Thema sieht sie als Vorteil.
00:01:41: So bekommt sie einen leichteren Zugang zu den Menschen.
00:01:45: Für diesen Podcast hat sie mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Ost und West gesprochen, über deren Leben an und mit dieser früheren Grenze.
00:01:54: und über eine Grenze, die oft bis heute nachwirkt.
00:01:59: Bei ihren Recherchen ist Ines Goddatschka in vielen ehemaligen Grenzgemeinden unterwegs gewesen.
00:02:05: Erste Ergebnisse sind zu einem Buch geworden, das es im Jahr ist.
00:02:11: Im Laufe der Zeit entstand zwischen der Autorin und ihren Gesprächspartner eine emotionale Verbindung, die zu offenen und sehr authentischen Schilderungen beitrug.
00:02:23: Und zu der Idee, mit dem so entstandenen umfangreichen Tonmaterial diese Podcastreihe zu starten.
00:02:31: In dieser Folge Ute Juszus, die mit ansehen musste, wie ihre Heimat systematisch zerstört wurde.
00:02:38: Die Lage ihres Geburtsorts Groß Grabenstedt in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze galt als Sicherheitsrisiko.
00:02:47: Und so verschwand das Altmarktdorf zunehmend von der Landkarte.
00:02:51: Und aus dem Leben seiner Bewohner die mit der Schleifung des Ortes ihre Heimat verloren.
00:02:59: Jetzt sind wir in Großgrabenstedt.
00:03:03: Wir stehen vor dem Stein zur Erinnerung an Großgrabenstedt-Dorf der Zwangsaussiedlung.
00:03:08: Seit wann gibt's den Stein hier?
00:03:10: Seit zwei Tausendsechzehn.
00:03:12: Noch gar nicht so lange, wer hat den gesetzt?
00:03:16: Die ehemaligen Bewohner und Nachkommen von Großgrabenstedt.
00:03:21: Der Stein steht quasi direkt neben dem alten Friedhof.
00:03:25: Können wir da noch rein?
00:03:27: Wir können es mal probieren.
00:03:29: Wir laufen durch Großgrabenstedt.
00:03:32: Auf dem ehemaligen Friedhof gibt es ein paar Gräber, die bis heute gepflegt werden.
00:03:36: Aber das Dorf ist verschwunden.
00:03:39: Trotzdem sind da noch Menschen, die sich daran erinnern.
00:03:42: Ja, sich danach sehnen.
00:03:44: Ute Juszus gehört zu ihnen.
00:03:46: Wenn man mit ihr entlang der grün bewachsenen Wege läuft, dann deutet sie mit der Hand oft auf Besiedlungsspuren.
00:03:53: Sie kennt jeden Winkel.
00:03:55: Und sie hat Fotos dabei.
00:03:58: Lass uns zu der Stelle gehen, wo dein Wohnhaus ist.
00:04:01: Da kommen die Ecke.
00:04:03: Da bleiben wir erst mal.
00:04:05: Da kann ich dir das dann auch zeigen, wo die Schule war.
00:04:11: Ja.
00:04:13: Das ist dann der Schulweg nach Kleinkramenstedt, die die Kinder nutzen, um hier zur Schule zu kommen.
00:04:23: Und wir dann auch ... In den ersten Jahren, also bis zum Einkaufen fuhr der Fahrrad lang.
00:04:34: Wir stehen jetzt an einer kleinen Einbiegung.
00:04:37: Richtig,
00:04:37: richtig.
00:04:39: Da stand früher ... Das ist die Ecke.
00:04:43: Das ist die Ecke.
00:04:44: Da ist ein Arbeiterwohnhaus, das ist auch ein Arbeiterwohnhaus.
00:04:48: Die Landleute hatten auch Tiere, sodass die sehr viele Stellung hatten.
00:04:56: Hier sehen wir die Schule.
00:04:59: Wo stand die genau?
00:05:01: Hier, wo das Grün ist.
00:05:03: Dass du rauswächst.
00:05:04: Hier vorne war noch ein Arbeiterwohnhaus.
00:05:09: Unvorstellbar, man kann sich das nicht vorstellen.
00:05:12: Auf der anderen Seite wohnt da meine Schwiegermutter dann
00:05:18: noch.
00:05:18: Weißt du, aus Mut jetzt noch eine Stelle, wo man noch so ein bisschen Besiedlungsspuren sieht?
00:05:24: Also so Fundamentreste und
00:05:26: so?
00:05:26: So, da kommst du jetzt nicht ran.
00:05:28: Kommt
00:05:28: man jetzt nicht ran.
00:05:31: Als das letzte Mal hier war, kann ich mich erinnern, dass man Reste von Treppen gesehen hat oder von Fundamenten.
00:05:36: Beziehungsweise auch dort, aber da müsste man jetzt nicht mehr durchgehen.
00:05:41: Wie ist das jetzt, wenn wir hier stehen?
00:05:43: Ist das für dich eher Trauer oder eher Beruhigung oder so eine Mischung?
00:05:47: Für eine Mischung.
00:05:48: Einfach eine Mischung.
00:05:50: Traurig, dass es alles weg ist.
00:05:53: Aber dann ... Doch, hier hast du dich wohl gefühlt.
00:05:56: Ja, hier war das schön.
00:05:58: Man sieht doch, rings herum so viele Bäume.
00:06:04: So viel Natur, Natur pur.
00:06:07: Und das ist eben toll.
00:06:09: Der Besuch in Henningen im Kreis Seilswedel.
00:06:12: Ute Juszus hat zu Baumkuchen und Kaffee in ihre gemütliche Küche eingeladen.
00:06:17: Sie erzählt von dem Ort, in dem sie nineteen Hundert Vierzig geboren wurde.
00:06:22: Groß
00:06:23: Gramstedt war ein pulsierendes Dorf.
00:06:29: Es wohnten ... sechs Großbauern mit ihren vier Seitenhöfen dort.
00:06:38: Ein Mittelbauer.
00:06:40: Wir hatten sechs Landarbeiterhäuser.
00:06:46: Dabei waren dann sogar zwei Häuser.
00:06:49: Da kann ich mich noch daran erinnern, weil das immer in den Häusern ein bisschen gestunken kann, wo Mensch und Tier unter einem Dach fahren.
00:06:58: Wir hatten eine super-schöne, niedliche Kirche.
00:07:00: Glockentoben war von außen.
00:07:01: Und eine Schule.
00:07:01: In dieser Schule wurde ich in deiner Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Schule, in der ich in der Sachsen-Einhalt hatten eine Gaststätte etwa ein Kilometer entfernt auf der Straße nach Kleingrabenstedt.
00:07:40: Du hast dich da als Kind sehr wohlgefühlt.
00:07:42: Ja, besonders im Frühjahr fühlte ich mich wohl.
00:07:46: Wir durchgreiften oft die Wälder, denn dort blühten ja so viele schöne Frühblüher.
00:07:55: Du hast eben schon erzählt, dass Großgrabenstedt für dich im Prinzip die Heimat ist.
00:08:01: Ja.
00:08:03: Ich habe mich also in Großgrabenstedt wohlgefühlt.
00:08:07: Wir hatten Möglichkeiten zum Spielen sogar auf der Straße.
00:08:17: Denn da war noch nicht so viel Betrieb.
00:08:22: Wir spielten Suchen um die Kirche herum.
00:08:26: Wir treibball auf der Straße entlang.
00:08:29: Ja, das war ganz, ganz klasse.
00:08:32: Dorf selbst waren damals, kann man sagen, so fünfzig, sechszig, siebzig Leute.
00:08:41: Okay, also man kannte einander
00:08:43: noch.
00:08:44: Man kannte sich nicht.
00:08:47: Es kamen dann immer wieder neue noch hinzu, neue Arbeiter jetzt.
00:08:54: Und Großgrabenstedt, wir haben es vorhin ja schon angedeutet, ist ein Ort, den es heute so nicht mehr gibt, weil Großgrabenstedt geschleift worden ist.
00:09:03: Kannst du dich erinnern, wann das erste Mal in deinem Leben als Kind und Jugendliche in Großgrabenstedt So ein Schatten kam, wo du gemerkt hast, jetzt verändert sich hier was.
00:09:16: Wann fing das an?
00:09:18: Im
00:09:18: Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai, Mai auf vielen Bauernhöfen.
00:09:41: Die Großbauern bekamen die Auflage innerhalb von anderthalb Stunden.
00:09:48: Ihr habt und gut, was sie mitnehmen möchten, auf den Lkw eben aufzuladen.
00:09:56: Heißt du das selbst?
00:09:57: Ich habe vom Flur ... in einem Bauernhaus, in dem wir gewohnt haben, geschaut und sah, das konnte es damals, ich war sieben Jahre, konnte ich das noch gar nicht richtig einordnen.
00:10:15: Was ist denn da los?
00:10:17: Ich habe nur diese Unruhe, die Unruhe auch, ich konnte jetzt auch keinen Bauern ... die Bauern als Frauen und die Kinder, mit denen ich gespielt habe, gar nicht mehr fragen.
00:10:31: Was ist das?
00:10:32: Was ist da los?
00:10:33: Warum so eine Unruhe?
00:10:35: Und später dann hat mir meine Mutter denn darüber erzählt.
00:10:41: Und dann habe ich damals noch nicht alles verstanden.
00:10:46: Aber deine Spielkameraden waren plötzlich weg von einem Tag auf den anderen?
00:10:50: Einige.
00:10:51: Einige.
00:10:52: Einige waren einfach ... Die mussten ja mit.
00:10:56: Ja.
00:10:57: Und sie kam ja dann, so wurde dann auch gesagt, zum Bahnhof nach Elmberg.
00:11:02: Dort wurden sie dann auf Güterwagen verladen und landeten dann in Eilenburg-Delitsch.
00:11:08: Und mussten sich dort eine neue Heimat aufbauen.
00:11:14: Und das hab ich damals nicht verstanden.
00:11:17: Warum?
00:11:18: Ja, warum musste das so sein?
00:11:23: Im Mai twohundfünfzig organisierten die DDR-Behörden die erste große Zwangsaussiedlungsaktion entlang der innerdeutschen Grenze.
00:11:32: Einer der offiziellen Tarnahmen, Aktion Ungeziefer.
00:11:36: In nineteenhundsechzig sollte eine weitere Welle folgen.
00:11:41: Beide Male wurden Listen mit Namen von Menschen erstellt, die der DDR angeblich feindlich gesonnen seien.
00:11:48: Offizielle Kriterien gab es nicht.
00:11:50: Die Denunziation durch einen Nachbarn konnte ausreichen.
00:11:54: In den Grenzgemeinden gingen die Angst
00:11:56: um.
00:11:57: Schätzungen zufolge waren von den Zwangsaussiedlungen ca.
00:12:01: zwölftausend Menschen betroffen.
00:12:06: Dass dann im Juni, two-fünfzig, etwa vierzehn Tage, drei Wochen danach, schon die LPG gegründet wurde.
00:12:18: Ja.
00:12:18: Die LPG-Einheit Grabenstedt.
00:12:21: Denn die Bauern, die das Dorf verlassen mussten, einer hatte davon mitbekommen und ist dann bei Nachtonebe, wie man so schön sagt, nach Niedersachsen geflüchtet.
00:12:35: Die Tiere mussten versorgt werden, die Felder mussten versorgt werden.
00:12:39: Die Bauern waren ja nicht mehr da.
00:12:42: Das heißt, es waren ja plötzlich auch Häuser trei?
00:12:45: Es war
00:12:45: Platz?
00:12:45: Es war Platz.
00:12:47: Da konnten jetzt junge Leute einziehen.
00:12:51: Und da war auf einmal wieder ganz viel Leben in Großkramenstedt.
00:12:57: Und man hat diese Schatten, die dann da waren, ein bisschen vergessen.
00:13:05: Aber alle Großbauern waren weg?
00:13:08: Zwei Großbauern leben, weil sie zu alt waren.
00:13:13: Okay.
00:13:14: Und die sind dann auch in Großkramstädt verstorben.
00:13:18: Die letzte Bäuerin ist, neunzehnhundertsechsohn, siebzig verstorben.
00:13:24: Die wurde dann auch noch auf dem Friedhof in Großkramstädt beigesetzt.
00:13:29: Kannst du mal ein bisschen erzählen, wie es so weiterging im Dorf und auch für dich?
00:13:34: Naja, nun hatte ich ja nun schon gesagt, durch das Lehrlingswohnheim kamen auch sehr viele junge Menschen, die nun alle älter waren als ich jetzt nicht.
00:13:46: Aber man hat sich wohl gefühlt.
00:13:48: Die haben sich dort mit eingefügt.
00:13:51: Ich ging ja dort in Großkramstedt noch zur Schule.
00:13:56: Zehn Jahre dort.
00:13:58: Bis
00:14:22: deiner Mutter ... noch in Großgrabenstedt gelebt.
00:14:26: Und was war der Grund, warum du dann aus Großgrabenstedt eigentlich weggegangen bist?
00:14:32: Ich habe in Henning dann die Schule beendet, nach der zehnten Klasse.
00:14:38: Und konnte sofort in Stasfurt mit dem Studium als Unterstufenlehrer beginnen, sagen wir, in den Sehntenhundertsechzig.
00:14:49: Da
00:14:50: lebten wir also noch in ... Großgrabenstedt.
00:14:53: Ich bin dann also von Großgrabenstedt immer nach Salzvierteln mit dem Taxi gefahren, denn ich wusste ja zum Bahnhof.
00:15:07: Von da aus, dann nach Stasfurt.
00:15:10: Das ging nur mit dem Taxi, ja?
00:15:11: Ja, das
00:15:13: gingen noch gar nicht anders.
00:15:14: Okay.
00:15:15: Und kam dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann,
00:15:21: dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es
00:15:22: dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann, dann war es dann.
00:15:32: in
00:15:32: dem Ort und in der Schule, in der du selber warst.
00:15:35: Das ist für dich hier alles auch sehr vertraut.
00:15:38: Trotzdem weiß ich, dass du mir auch mal gesagt hast, Henningen ist zwar nicht weit weg, aber Großgrabenstedt ist deine Heimat.
00:15:46: Großgrabenstedt ist meine Heimat.
00:15:49: Und wann war der Punkt, als dass du aus Großgrabenstedt weg musstest?
00:15:55: Ich
00:15:55: habe in Großgrabenstedt gewohnt.
00:15:57: Ich habe ja dann auch in den Seinzehnhundertsechzig geheiratet.
00:16:02: Ja, im August war mein Sohn Reif geboren.
00:16:07: Ja.
00:16:07: Ich habe mit meiner Familie und meiner Mutter noch in Großgrabenstedt gewohnt.
00:16:17: Wir hatten einen Riesenbauernhaus für uns.
00:16:21: Die Kinder hatten die Straße für sich.
00:16:24: Ja, das war ein Abenteuerspielplatz.
00:16:27: Es ging ja dann nachts.
00:16:29: Den Mauerbau in Berlin, auch in meinem Dorfgroß Graben, steht abwärts.
00:16:40: Ja.
00:16:42: Die Grenze kam weiter ins Dorf rein.
00:16:47: Wie muss man sich das vorstellen?
00:16:50: Da kam der nächste Zaun.
00:16:51: Ach so.
00:16:53: Und wieder ein Zaun, sodass unser ...
00:16:56: Unsere Bewegungsfreiheit war eingeschränkt.
00:16:58: Die Bewegungsfreiheit
00:16:59: war eingeschränkt.
00:17:01: Wir konnten also nicht mehr alle Wege nutzen.
00:17:05: Auch nicht unseren Einkaufsweg nach Kleinkramstedt, der damals ja auch Schulweg für die Kleinkramstedter war.
00:17:13: Auch das war nicht mehr möglich.
00:17:16: Wir mussten jetzt den großen Weg bis wir schon sehen und dann nach Kleinkramstedt zum Einkaufen.
00:17:22: Denn dort war dann der Konsum.
00:17:25: Beziehungsweise für meinen Sohn reift später auch der Kindergarten.
00:17:31: Ich musste ihn ja da immer erst noch zum Kindergarten bringen.
00:17:34: Das heißt, das Grenzregime hat euch gezwungen, große Umwege in Kauf zu nehmen?
00:17:39: Richtig.
00:17:39: Hast du mir nicht auch mal erzählt, dass ihr irgendwann so nah an der Hundelaufleine gewohnt habt?
00:17:45: Später in den Siebzigerjahren.
00:17:47: In den Siebzigerjahren, das war furchtbar, wenn man dann das Gekleffe der Hunde nachts gehört hat.
00:17:56: Die Grenze wurde im Lauf der Jahre immer perfekter.
00:17:59: Als Ergänzung wurden vor allem in den neunzeltachziger Jahren die sogenannten Hunde-Laufanlagen installiert.
00:18:05: Die Tiere waren an jeweils rund einhundertfünfzig Meter lange parallel zur Grenze gespannte Drahtseile angebunden und sollten verdächtige Bewegungen innerhalb ihres Abschnitts aufspüren.
00:18:17: Ihr Gebell war für die Bevölkerung in den Grenzorten eine furchteinflößende Lärmbelästigung.
00:18:23: Flüchtlinge hingegen fürchteten die Trassenhunde, v.a.
00:18:27: wegen ihrer Aggressivität.
00:18:30: Wie weit wart ihr davon weg?
00:18:33: Zwanzig, dreißig Meter.
00:18:36: Da kam ja wieder die nächste Befestigung.
00:18:42: Und immer wieder weiter.
00:18:44: Wenn wir dann schon manchmal die ... Ach, der Tür, wie gesagt, jetzt aufgemacht haben, sah man dann schon den Zaun.
00:18:53: Und das war natürlich dann auch nicht mehr so schön von der Seite.
00:18:57: Aber auf der anderen Seite, ja, man hatte sich doch noch so ein bisschen wohlgefühlt.
00:19:04: Aber was dann eben kam, es durften ja auch nicht mehr Familien nach Großkramstedt, trotz LPG.
00:19:13: Ja, die sind ... Auch aus Großgrabenstedt, die Verwaltung ist aus Großgrabenstedt raus und ist nach Kleingrabenstedt bzw.
00:19:21: später auch noch Hechted gezogen.
00:19:24: Ja.
00:19:24: Dass dann wieder Freibräume waren.
00:19:28: Es waren Häuser nicht mehr bewohnt, die durften auch gar nicht mehr bewohnt werden.
00:19:34: Durfte niemand nachziehen?
00:19:36: Wenn ein Haus leer war, durfte niemand Neues einziehen?
00:19:39: durfte nicht, was dann eben ab und zu den Mal war.
00:19:42: Das waren dann Offiziere von den Grenztruppen, die dann ihre Familie geholt haben.
00:19:49: Und die blieben dann mal vielleicht dreiviertel Jahr oder ein Jahr oder auch vielleicht länger.
00:19:56: Ja, in dem Dorf, ja, die hatten ja dann auch Kinder, die dann mit zur Schule kamen.
00:20:05: Aber es waren wenige.
00:20:07: Und
00:20:07: kannst du dich ... Erinnern, wann das erste Mal klar
00:20:12: war,
00:20:13: also auch offiziell euch als Einwohner von Großgrabenstedt, dass man euch gegenüber gesagt hat, das Dorf wird aufgegeben.
00:20:22: Also ihr müsst hier weg.
00:20:23: Ja, man hat es dann eben schon gesehen.
00:20:27: Aber wir haben uns eigentlich immer in unserer Wohnung wohlgefühlt.
00:20:32: In den Neunzehnhundertfünfundsiebzig bekamen wir dann die Auflage, bitte.
00:20:38: sucht euch eine neue Wohnung.
00:20:40: Und da kriechten wir natürlich das große Grübeln, wohin?
00:20:44: mit sechs Personen.
00:20:46: Zu sechs Personen, also du, dein Mann, eure drei
00:20:49: Kinder und meine Mutter.
00:20:52: Und zu dem Zeitpunkt, ich muss kurz Zwischenfragen, zu dem Zeitpunkt war da aber schon in Großgrabenstedt sichtbar, dass das Dorf verfällt.
00:21:00: Ja,
00:21:00: ja.
00:21:01: Kannst du das ein bisschen beschreiben?
00:21:02: Ja,
00:21:03: man hat dann eben auch gesehen ... Aber auch Kinder und Jugendliche, die eigentlich diese Häuser als Abenteuerspielplatz waren.
00:21:15: Du hast
00:21:15: erzählt, deine Jungs haben in der verfallenen Kirche dann gespielt.
00:21:18: Richtig, ja.
00:21:20: Und auch die anderen Häuser, die dann nicht mehr bewohnt waren.
00:21:28: Oder Teile, manche Teile.
00:21:30: dann hat man gemerkt.
00:21:32: Also, klar ... Wenn da nichts weiter unternommen wird, fällt das eben so zusammen.
00:21:39: Dann regnet es rein.
00:21:42: Das Dach war dann nicht mehr in Ordnung.
00:21:45: Dass man gesehen hat, oh, das wird eine Ruine.
00:21:54: Hatten wir dann ja dann, neunzehnhundertfünfundsiebzig, überlegt, was machen wir?
00:22:01: Der Begriff klingt harmlos.
00:22:03: Fast verschleiert er seine Bedeutung, denn Schleifung klingt nach Reparieren.
00:22:09: Doch das Gegenteil war der Fall.
00:22:11: Für die betroffenen Menschen hatte die Schleifung massive Folgen.
00:22:14: Sie verloren ihre Heimat.
00:22:17: Oft wurden sie zwangsweise umgesiedelt und ihre Häuser abgerissen.
00:22:23: Großgrabenstedt war übrigens nur eins von mehreren Dörfern, die in Sachsen-Anhalt von der Landkarte verschwanden.
00:22:30: Mit der Schleifung wollte man an der innerdeutschen Grenze eine Sperrzone schaffen, die möglichst menschenleer und schon dadurch gut zu kontrollieren war.
00:22:39: Als die euch gesagt haben, ihr müsst raus, haben die euch gesagt, warum?
00:22:45: Nein, nicht.
00:22:46: Nein, überhaupt gar nicht.
00:22:48: Überhaupt gar nicht.
00:22:50: Da kam nie.
00:22:52: Dieser Zusatz, das Dorf muss verschwinden oder das, wie man heute doch sagt, das Dorf muss geschliffen werden.
00:23:00: Warum eigentlich?
00:23:02: Aber dann selbst hat man ja auch gesehen, was ringsherum los war, der Verfall war gegeben.
00:23:13: Und daraufhin haben wir denn gesagt, hier können wir auch gar nicht mehr weiter leben.
00:23:20: Wohin?
00:23:21: hatte ich vorhin gesagt, wohin mit den sechs Personen?
00:23:26: Ich habe hier an der Schule gearbeitet.
00:23:28: Meine Kinder gingen hier zur Schule.
00:23:30: Mein Mann hat hier in der LPG gearbeitet.
00:23:33: Also war klar, Henningen wäre vielleicht eine Optik für euch.
00:23:36: Ja, aber
00:23:37: es war keine Möglichkeit, hier eine Wohnung zu finden.
00:23:42: Und dann auf einmal kamen dann von der LPG aus ... Die Mitteilung, ihr könnt in Heningen bauen.
00:23:55: Die LPG gibt euch Zehntausend Mark.
00:23:59: Und ihr könnt einfach bauen.
00:24:02: Grund und Boden wird euch zur Verfügung gestellt.
00:24:05: So, und dann haben wir angefangen mit dem Bauen.
00:24:11: Das war auch gar nicht so einfach.
00:24:15: Diese Zehntausend Mark, die waren schnell verschwunden.
00:24:19: Ja.
00:24:20: Keine schöne Zeit, das Bauen.
00:24:23: Wir haben ja damals immer noch Solanz gearbeitet und wir haben dann immer versucht, in der Woche noch ein bisschen was zu erledigen, sodass dann Wochenende gebraut werden konnte.
00:24:34: Aber wenn wir Steine hatten, hatten wir kein Kalk.
00:24:37: Wenn wir Kalk und Steine hatten, fehlte dann wieder irgendein anderer Baustoff.
00:24:41: Es war nicht einfach, zu der damaligen Zeit zu bauen.
00:24:48: Wir haben vier Jahre gebaut.
00:24:52: Mhm.
00:24:52: Und dann drängelte man schon, ihr müsst aus Großgrabenstedt raus.
00:24:58: Und viele andere sind dann auch, neunzehnhundertneunundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundund.
00:25:16: Es ging nicht anders.
00:25:18: Wir hatten meine Mutter mitgenommen.
00:25:20: Die wollte gar nicht, die wollte in Großgrabenstedt bleiben.
00:25:25: Meine Schwiegermutter blieb in Großgrabenstedt.
00:25:28: Sie hat sich geweigert, Großgrabenstedt auszuziehen.
00:25:32: Haben die Behörden das zugelassen?
00:25:34: Die mussten das einfach zulassen.
00:25:37: Und dann noch eine Frau, die blieb auch in einem ... Arbeiterwohnhaus.
00:25:43: Und diese beiden blieben dann bis in den Neunzehnhundertsechsten.
00:25:49: Haben die da ganz alleine gewohnt?
00:25:50: Ganz
00:25:51: alleine.
00:25:51: Wir haben die Schwiegermutter jetzt versorgt.
00:25:55: Und auch Lene Wendland wurde dann ebenfalls von ihren Kindern noch versorgt.
00:26:01: Und in den Händen war hier eine Wohnung frei.
00:26:06: Dann haben wir den Schwiegermutter rübergeholt.
00:26:08: Das hat nicht lange gedauert.
00:26:09: Dann waren auch diese beiden Häuser ganz schnell verspunnt.
00:26:14: In den Händen war es in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händen in den Händ.
00:26:28: Genommen hatte Hohlen, da war nichts mehr von den Häusern zu sehen.
00:26:34: Das
00:26:34: heißt, die wurden
00:26:36: richtig
00:26:36: glatt gemacht?
00:26:36: Ja,
00:26:37: sie wurden geschliffen, wie man so schön sagt.
00:26:40: Nicht ein Teil, was sich jetzt vor dem ... Dorf war eine Kiesgrube, was man da nicht alles unterbekam, wurde einfach so in den Wald hineingeschoben.
00:26:53: Was man bis heute zum Teil noch sieht.
00:26:55: Da sieht man heute noch so einige Sachen.
00:26:58: Wenn nicht gerade die Brennnessel und viele andere Pflanzen dort wachsen, die Natur hat sich alles wieder zurückgeholt, wie man so schön sagt.
00:27:11: Du hast gesagt, die Grenze kam euch ja immer näher auch da im Grenzgebiet.
00:27:17: Hast du das zu irgendeiner Zeit mal hinterfragt, dass das ja auch ... Ich meine, nicht nur weil es gruselig aussah, sondern dass das ja eigentlich völlig absurd war.
00:27:27: Oder
00:27:27: hat man das einfach so hingenommen damals?
00:27:29: Man hat es hingenommen.
00:27:31: Man ist ja so in der Schule erzogen worden.
00:27:36: Es musste so sein.
00:27:39: Und das hab ich ... Immer so hingenommen.
00:27:43: Bis nach der Wende.
00:27:45: Dann wurde man natürlich ganz gewaltig stutzig und musste vollkommen umdenken.
00:27:54: Es war nicht einfach.
00:27:57: Ja.
00:27:57: Du hast erzählt, auch weil dein Mann ja bei der SED-Kreisleitung gearbeitet hat, für dich vielleicht besonders schwer.
00:28:04: Und er ist damit gar nicht fertig geworden.
00:28:07: Wann ist der gestorben?
00:28:13: Aber du, so nehm ich dich wahr, du hast das neue Leben ja gut für dich
00:28:20: auch
00:28:21: bewährt ist, ist vermutlich heute auch positiv.
00:28:23: Richtig.
00:28:25: Du
00:28:25: hast mir mal erzählt, dass Großgrabenstedt für dich wirklich ein Herzensangelegenheit ist.
00:28:31: Das heißt, es ist dein Heimat.
00:28:34: Und ... Wenn man das manchmal so als Außenstehender sieht, Henningen ist ja zwei Kilometer nur weg.
00:28:40: Man hat so das Gefühl, na ja, zwei Kilometer ist jetzt nicht weit.
00:28:44: Aber ich nehme an dir wahr, dass für dich das Schleifen deines Heimatdorfes Groß Grabenstedt wirklich ein Verlust dein Heimat ist.
00:28:53: Richtig.
00:28:53: Und das tat gewaltig weh.
00:28:56: Ja, wenn man das immer wieder sah, denn ich hatte ja schon ... paar mal angedeutet.
00:29:02: Wir hatten da ja wirklich Natur pur.
00:29:06: Diese ringsherum die Wälder, das war doch das, was man gewohnt war und was man eben auch geliebt hat.
00:29:17: Das war doch herrlich.
00:29:20: Super.
00:29:23: Kein Lärm.
00:29:26: Ja, die paar Fahrzeuge, die dann waren, die haben doch gar nicht so viel Krach gebracht jetzt.
00:29:33: Und auch die Armeefahrzeuge, die dann durchfuhren zu ihren Grenzposten.
00:29:40: Wir waren damals dann sehr gut bewacht.
00:29:43: Wir konnten der Haustier auflassen.
00:29:45: Das Fahrrad konnte auch mal draußen stehen bleiben.
00:29:48: Oder der Haustier musste nicht unbedingt abgeschlossen werden.
00:29:51: Es kam ja keiner rein.
00:29:52: Es kam keiner rein.
00:29:55: Jahrzehnte sind seit dem erzwungenen Wegzug aus Großgrabenstedt inzwischen vergangen.
00:30:00: Doch den Schmerz über den Verlust spürt Ute Justus bis heute.
00:30:05: Die Wunde ist spürbar.
00:30:07: Denn wenn mir erst hier in Henning manchmal zu viel wird, sei das jetzt mit meinem Grundstück oder mit meinen vielen ehrenamtlichen Ämtern, dann schließe ich einfach das Haus zu.
00:30:23: Nehmen meinen Fahrrad und fahr nach Großkramstedt.
00:30:27: Dort finde ich wieder meine Ruhe.
00:30:31: Meine innere Ruhe.
00:30:36: Schau links, schau rechts.
00:30:38: Da wohnte die, da wohnte der.
00:30:41: Da wohnten meine Spielfreunde.
00:30:44: Da war meine Schule.
00:30:46: Und schon ... komme ich dann wieder auf einen Punkt runter und noch tiefer runter und fühle mich dann wieder wohl.
00:30:56: Bleibe manchmal eine Stunde oder noch länger, marschiere so ein bisschen Dorfstraße auf und ab.
00:31:03: Oder gehe ich auch bis zur Summe, wo früher dann eben die Wassermühle war.
00:31:09: Das beruhigt mich wieder und dann kann ich nach Hause fahren und fühle mich wieder wohl.
00:31:17: Dem in meinem Hendingen würde ich nur sagen, aber mein Großkramstedt bleibt mein Großkramstedt.
00:31:25: Die politischen Veränderungen von der Ute Juszus und ihrer Familie waren keine leichte Zeit.
00:31:32: Während im Rest der DDR viele Menschen ausgelassen den Fall der Grenze feierten, brach für sie eine Zeit der Ungewissheit und des Zweifels an.
00:31:41: Es dauerte Wochen, bis sie sich endlich in den Westen traute.
00:31:46: Allein.
00:31:48: Erst mal hatte man geweint, sich zu tun, diesen Schritt aufzunehmen.
00:31:56: Es war nicht einfach.
00:32:01: Man bekam ja immer wieder gesagt, warum die Grenze sein muss.
00:32:08: Als dann diese Öffnung war, habe ich lange gebraucht, um das alles zu verdauen.
00:32:18: Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt nach Niedersachsen gefahren bin.
00:32:24: Also dich
00:32:25: nicht getraut?
00:32:26: Spontan von Salzbiddel aus.
00:32:29: Eineinundsiebzig lang alleine.
00:32:33: Ich muss doch erst einmal sehen, was ist da Lust.
00:32:36: Denn ich war ja als Kind in Niedersachsen.
00:32:40: Ja, also in Nienbergen.
00:32:42: Habe von meiner Mutter damals viel gehört.
00:32:46: über die Orte ringsherum.
00:32:48: Ja, bin ich spontan losgefahren und hab dann erst eine innere Unruhe.
00:32:57: Wird das alles auch in Ordnung sein?
00:33:01: Wirst du dich da auch zurechtfinden?
00:33:05: Werden die Menschen sich dort auch anerkennen?
00:33:09: Meine Männer, wie ich einfach so sage, meine Kinder und mein Mann, die wussten davon ja gar nichts.
00:33:16: Ja, ich fährte Salzbiddle eine Beratung und dann dachte ich, jetzt fährst du los.
00:33:23: Weißt du, wie viele Wochen nach der Grenzöffnung das war?
00:33:25: Das war
00:33:25: lange, lange, lange, vier Wochen.
00:33:28: Ja?
00:33:29: Ja, vier Wochen etwa.
00:33:30: Hatte
00:33:31: du dich vorher einfach eine Neugier?
00:33:33: Es war Neugier.
00:33:35: Ja.
00:33:35: Es war wirklich eine Neugier, wie ich erst schon sagte, dass du dort auch anerkennst.
00:33:41: Du bist doch, wie sagte man so schön, Ossi.
00:33:44: Ja.
00:33:45: Aber als ich dann diese Reklame, die wir ja hier gar nicht kannten, sah, es war ja Dezember, es wurde ja früh dunkel und alles leuchtete.
00:34:03: Ich bin dann in einen Laden gegangen und habe, ich habe glaube ich bald eine halbe Stunde nur geguckt, was nimmst du denn jetzt überhaupt mit?
00:34:12: Weil ich es gar nicht kannte, diese Helligkeit, diese vielen Farben.
00:34:23: Es hatte mich alles ein bisschen erschlagen.
00:34:26: Und hier zu Hause haben meine Kinder und mein Mann dann gewartet und waren so froh, dass ich wieder da war.
00:34:35: Eine weitere Tour unternahm Ute Justus an einen Ort ihrer Kindheit.
00:34:39: Im Rundlingsdorf Nienbergen.
00:34:42: Gelegen im niedersächsischen Landkreis Lychodannenberg war sie vor neunzehntundundfünfzig oft mit ihrer Mutter gewesen.
00:34:49: Der Ort lag direkt an der damals östlich von ihm verlaufenden Staatsgrenze zur DDR.
00:34:55: Und er war von Großgrabenstedt aus über einen kurzen Fußweg zu erreichen.
00:35:00: Ich denke, jetzt musste er erst mal auch in Nienbergen, weil das ja nur der nächste Ort von Großkramstedt war, musste dann nämlich auch noch mal in Nienbergen aufsuchen.
00:35:11: Denn ich bin ja als Kind oft dann mit den Bauern beziehungsweise Arbeitern nach Nienbergen gegangen.
00:35:20: Das
00:35:20: ging noch in den frühen ...
00:35:22: Bis fifty war alles noch möglich.
00:35:24: Ja.
00:35:25: Kann ich mich richtig, oder erinnere ich mich richtig, dass du da auch eine Begegnung hattest mit einer Verkäuferin?
00:35:31: Erzähler, bitte?
00:35:32: Richtig,
00:35:32: richtig.
00:35:33: Ich denke, jetzt musst du doch erst mal gucken, ob der Tante Emma Laden noch da ist.
00:35:40: Indem
00:35:41: du als kleines Mädchen immer
00:35:42: warst?
00:35:43: Nicht.
00:35:43: Und ich bin ja immer gerne mitgegangen, weil es dort ja immer so ein bisschen lecker liegt.
00:35:50: Ja, mein Lutscher oder mein Luftballon, da bin ich einen Sonntag dann eben auch alleine erst mal auf Erkundungsfall und hab mein Auto stehen gelassen und bin dann erst mal zu Fuß gegangen.
00:36:02: Und dann fand ich nämlich auch, ich konnte mich noch an der inneren Nöchtlinge, hier war der Weg nach Großkramstedt und dort auf ... An dieser Straße muss der Tante Emmerladen gewesen sein.
00:36:21: Tatsache, da denkt ihr, das kann der nur da gewesen sein.
00:36:26: Und dann schwarr eine Frau und mehrere auf der Straße.
00:36:32: Und dann hab ich diese Menschen da.
00:36:36: angesprochen und habe dann überlegt, hier muss doch irgendwo der Tante Emma Laden gewesen sein.
00:36:43: Und dann haben sie mir gesagt, ja, der war hier.
00:36:45: Und dann habe ich damals als Kind bis zu Deinunzehnundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundund
00:37:01: Ein Lutscher,
00:37:02: Lutscher mit Luftballon und viele andere Sachen.
00:37:06: Das war richtig schön.
00:37:09: Und auch bin ich gerne immer mitgegangen.
00:37:11: Und die ältere Dame guckte mich denn an.
00:37:17: und dann dachte ich, ich hab in Großkramstädt gewohnt.
00:37:24: Guckt und guckt, dann kannst doch du nur Ute sein.
00:37:33: Und dann war es noch die Tante Emma.
00:37:36: Und sie hieß ja wirklich Emma Holz.
00:37:41: Und darum eben Tante Emma laden.
00:37:44: Denn die Besitzerin war eben Emma.
00:37:48: Und ich hatte noch lange Jahre zu ihr Kontakt.
00:37:53: Bin dann sehr oft dann immer noch rübergefallen, auch viele andere.
00:37:58: Menschen hab ich dort kennengelernt und hab dann eben gemerkt, die sind ganz, ganz nett.
00:38:04: Und mit denen kann man eben auch befreundet sein.
00:38:10: Und leider ist dann eben Tante Emma dann auch verstorben.
00:38:16: Und viele andere, die ich dann eben auch zu der damaligen Zeit kennengelernt hab, leben nun auch schon nicht mehr.
00:38:23: Und wie bewertest du heute ... dieses Leben in dieser Grenzsituation.
00:38:32: Ihr hattet ja wirklich eine verschärfte Grenzsituation.
00:38:35: Aus heutiger Sicht würde ich immer sagen, das war doch Irrsinn.
00:38:40: Ja.
00:38:42: Kaum noch vorstellbar aus heutiger Perspektive, ne?
00:38:45: Das stimmt.
00:38:48: Wenn man das dann immer noch wieder sieht, hab ich jetzt hier nicht bei, das ganze Grenzsicherheits ... Problem, aber es war so, warum?
00:39:01: Warum muss das denn sein?
00:39:05: Dieses Warum kam mir immer wieder in den Kopf.
00:39:12: Warum?
00:39:14: Aber erst nach der Wiedervereinigung?
00:39:17: Nach der Wiedervereinigung, dann überhaupt erst vorher, musste das eben so sein.
00:39:24: Und dann kam dann eben wirklich das Hinterfragen.
00:39:29: Ich verstehe das gar nicht.
00:39:31: Warum?
00:39:32: Das sind doch Menschen wie wir auch.
00:39:36: Ja.
00:39:37: Ich denke manchmal so, diese tiefe Liebe, die du zur Großgrabenstedt empfindest.
00:39:43: wenn wir hier heute über Flüchtlinge sprechen, die von aus Syrien kommen.
00:39:48: Ich denke, die haben ja alle mindestens einen Heimatverlust hinter sich.
00:39:52: Und zwar einen viel schlimmeren als du.
00:39:56: Wer freiwillig seine Heimat aufgibt, der hat ja was verloren.
00:40:00: Und jemand macht so was doch aus freien Stücken.
00:40:03: Ja, so sehe ich das auch.
00:40:06: Versuchst du das bei ... Bei Führungen, wenn du in Großgrabenstedt bist, den Leuten näherzubringen, dass das ein total aktuelles Thema ist?
00:40:15: Ja.
00:40:16: Der Heimatverlust?
00:40:19: Manche Besucher kommen sogar selbst drauf.
00:40:23: Die bringen das mit in diese Runde rein.
00:40:26: Das finde ich so toll.
00:40:29: Das ist nicht ... So ist das.
00:40:34: Wir
00:40:36: sind noch mal zurück nach Großgrabenstedt gefahren.
00:40:39: Hier findet Uti Juszus ihre innere Mitte wieder, denn das Gespräch hat sie aufgewühlt.
00:40:45: Du hast mir mal erzählt, dass du es manchmal als unangenehm empfindest, wenn am Frühling so viele Städter hier herkommen und Bärlauch suchen.
00:40:56: Warum ist das für dich eigentlich komisch?
00:41:01: Es ist schon komisch, denn wenn ich dann ... Mal wieder da bin und frage, wisst ihr überhaupt, was hier los war oder was das hier mal war?
00:41:14: Nein, die wissen nur, hier wächst Bärlauch und alles andere ist den ganz egal.
00:41:19: Das heißt, die Leute wissen das gar nicht?
00:41:21: Die wissen
00:41:22: gar nicht, dass hier mal ein Dorf war und ein Dorf, das eben so nach und nach geschliffen wurde.
00:41:29: Deshalb kämpft Ute Juszus auch gegen das Vergessen.
00:41:32: Regelmäßig führt sie Wandergruppen durch ihr Großgrabenstädt.
00:41:36: Um ihre Erinnerungen zu bewahren, hat sie irgendwann von hier etwas mitgenommen.
00:41:41: Eine Pflanze, die sie in Großgrabenstädt ausgrubt und in Henningen wieder einsetzte.
00:41:47: Dann hab ich mir einfach mal eine Pflanze mitgenommen.
00:41:51: Hennig und der Winterschachtelheim, der mag mich.
00:41:56: Da kommt's aus allen Ecken und Fugen immer wieder raus.
00:41:59: Das heißt, du hast ein Stückchen Heimat?
00:42:02: Mit
00:42:16: nach Hennigen, genau.
00:42:21: Mit nach Hennigen, in meinem anderen Zuhause.
00:42:38: Komposition und Piano des Titeltracks Frieden, Julia Buch, Sprecher Peter Gudatska.
00:42:45: Die Podcastreihe ist Teil des Projekts Erinnerungskultur und Engagement am grünen Band, das aus Mitteln der Staatskanzlei und des Ministeriums für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt
00:42:56: gefördert
00:42:57: wird.
00:42:57: Die Interviews mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen entstanden mit finanzieller Unterstützung des Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Johannes Beleithes.
00:43:09: Die verwendeten O-Töne von Personen der Zeitgeschichte hat das Bundesarchiv Berlin zur Verfügung
00:43:14: gestellt.
00:43:15: Alle Quellen wurden nach besten Gewissen geprüft und gekennzeichnet.
00:43:19: Bei berechtigten Ansprüchen in diesem Podcast veröffentlichten Material wird gebeten, sich an die Herausgeber zu wenden.
00:43:27: Titelbild, Collage von Nico Ludwig aus Böckwitz.
00:43:31: Die in den Show Notes beigefügten Fotos haben die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus ihren Privatarchiven zur Verfügung gestellt.
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